Es gibt Momente, da brauchen wir keinen Rat.
Da brauchen wir echten Abstand. Vielleicht von der Therapie, von den Arztgesprächen – oder einfach von diesem Gefühl: Es ist gerade alles zu viel heute.
Vor Jahren habe ich eine Geschichte gehört, die mir klar gemacht hat, wie einfach wir unsere Perspektive auf eine Situation verändern können. Ohne großen Aufwand. Ohne Ratschläge. Mit einer Handvoll Bohnen.
Es ist die Geschichte eines alten Bauern.
Er hatte kein leichtes Leben. Er arbeitete jeden Tag hart, um das Nötigste zu verdienen. Seine Frau war krank – und so machte er alles allein. Den Hof, den Haushalt, die Sorgen.
Doch er beschwerte sich nicht.
Viele Leute im Dorf wunderten sich, warum der Alte trotz der harten Arbeit und des schweren Schicksals dennoch lächelte. Jeden Tag. Wie er das schaffte, verstand niemand so recht.
Sein Geheimnis war folgendes:
Jeden Morgen steckte er sich eine Handvoll Bohnen in die rechte Hosentasche. Und für jeden Moment, der etwas Schönes für ihn bereithielt, wanderte eine Bohne in die linke.
Als er damit begann, erzählte er einmal, hatte er an manchen Abenden nur eine einzige Bohne in der linken Tasche.
Aber dann wurden es mehr.
Er fing an, die kleinen schönen Dinge wahrzunehmen. Die warme Sonne auf der Haut. Den Geruch des Sommerregens in der Nase. Das Singen eines Vogels. Das Lächeln eines Menschen, der des Weges kam.
Abends, kurz vor dem Schlafengehen, nahm er die Bohnen aus der linken Tasche. Schaute sie an. Und erinnerte sich – nicht nur an die Bilder, sondern auch an das Gefühl, das diesen Momenten innewohnte.
Und so ging er jeden Abend zufrieden – und oft sogar glücklich – ins Bett. Mit Dankbarkeit. Mit Freude, dass er diesen Tag gelebt hatte.
Ich denke oft an diese Geschichte .
Besonders wenn ich mit Menschen zusammensitze, die gerade durch ihre Krebstherapie gehen. Die harte Tage haben. Die vielleicht gerade schlechte Nachrichten bekommen haben. Die erschöpft sind – körperlich, emotional, bis auf die Knochen.
Und genau in solchen schweren Momenten holt die Frage " was war gut heute" die Menschen aus dem Dunkel heraus
Manchmal kommt die Antwort schnell. Manchmal dauert sie. Manchmal kommen zuerst Tränen.
Aber sie kommt.
Dann kommen Dinge wie: Der Tee heute Morgen, der heiß war und gut geschmeckt hat. Die Krankenschwester, die kurz die Hand gehalten hat. Das Licht, das durchs Fenster gefallen ist. Der Moment, in dem jemand gelacht hat – und man kurz mitgelacht hat, ein Geruch, ein Moment der Stille, ein warmes Bad...
Auch wenn du harte Therapietage hast, auch wenn du einmal schlechte Nachrichten bekommen hast – gibt es bei genauerem Hinschauen sicherlich auch für dich etwas, was gut war an diesem Tag.
Und die Frage „Was war gut heute?" holt genau das hervor. Rückt es in den Fokus. Für diesen einen Moment.
Und wie der Bauer wirst du mit der Zeit mehr schöne Momente finden – denn unser Gehirn sucht immer das, worauf wir unseren Fokus richten. Worauf wir es trainieren.
Die Frage „Was war gut heute?" trainiert dein Gehirn darauf, das Gute und Schöne zu finden. Auch wenn manchmal alles grau und dunkel zu sein scheint.
Vielen Menschen, mit denen ich arbeiten darf, hat dieser kleine Trick geholfen – ruhiger einzuschlafen. Und am Ende des Tages immer etwas Gutes zu finden.
Aus diesem Grund habe ich eine Facebook-Gruppe ins Leben gerufen.
Sie soll ein Raum des Teilens sein – und der Inspiration. Des Teilens von schönen Momenten. Und die Inspiration, mal in andere Richtungen zu schauen, um das Schöne zu finden.
Und wenn du einmal selbst nichts gefunden hast – lies einfach. Freue dich an dem, was andere teilen. Auch das ist eine Bohne.
Ich freu mich, dich dort zu treffen.
Dein Andreas

